Promise

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Promise

Beitrag von Tony Stark am Mo Dez 12, 2016 1:15 am

PROMISE.

April 1985 – Schloss Anjou

Lionel war grade zwölf Jahre alt geworden, als sein Papa die tolle Idee gehabt hatte einen kleinen Ausflug zu machen. Es war nachts und alle waren schon seit ein paar Stunden zu Bett gegangen, als Laurent, zivil bekleidet, in das Zimmer seines Sohnes stürmte.
Verwirrt schreckte der Junge aus dem Schlaf, während sein Vater zu dem Kleiderschrank des jungen Prinzen ging und ein paar Sachen auf Lionels Bett warf.
„Papa? Was-“
„Zieh dich an, Lionceau, wir machen einen Ausflug. In zwei Minuten unten.“, unterbrach Laurent und Lionel gähnte erst einmal ausgiebig. Er wusste nicht, warum sein Vater ihn so oft Lionceau nannte, immerhin hatte Lionel nicht sonderlich viel von einem Löwenjunges, außer vielleicht seine Haare.
Ohne jedoch extra darüber nachzudenken zog er sich um und lief dann die Treppen hinunter in die Empfangshalle. Sein Vater hielt ihm schon seinen Mantel und eine Mütze hin. Lionel zog den Mantel an und musterte die Mütze verwirrt. Laurent seufzte und stülpte sie seinem Sohn einfach über den Kopf, der kurz nichts sehen konnte, bis Laurent die Mütze dann ordentlich gerichtet hatte. Der Fürst ging vor und Lionel versuchte so gut er konnte mit seines Vaters Schritt mitzuhalten, doch Laurent war wesentlich größer als er und Lionel rief ihm zu zu warten, als sie an der Tür angekommen war, die zum öffentlichen Teil des Schlosses führte.
Als Lionel bei seinem Vater angekommen war nahm Laurent seine Hand und so gingen sie noch einige Minuten weiter, bis sie draußen waren. Ein Auto wartete bereits und Lionel kicherte, als sein Vater den Chauffeur hinauswarf und darauf bestand selber zu fahren. Sie fuhren los und nachdem Lionel sich kurz die Augen gerieben hatte, fragte er erneut:
„Was machen wir?“
Aber er bekam keine Antwort.


Dezember 2009 – Anjou Aéroport Privé

Lionels Hände zitterten immer noch. Seine Augen brannten, es fiel ihm schwer Sätze zu formulieren, Englisch war die letzten Stunden unmöglich gewesen, man hatte ihm in der Basis einen Dolmetscher gestellt. Er hatte sich in seinem Leben noch nie so verloren gefühlt.
Die Reifen des Flugzeuges schlugen auf den Boden auf und Lionel trank schnell sein Wasser leer, bevor er seinen Laptop zusammen klappte und in die Tasche zurück packte, die Dokumente konnte er auch später noch zuende ausfüllen, auch wenn seine Anwälte wohl etwas vollkommen anderes sagen würden.
Lionel war es jedoch äußerst egal, was irgendwer momentan sagte. Er stand auf, als das Zeichen gegeben worden war und als sich die Tür öffnete und er den kühlen, französischen Wind auf seiner Haut spürte breitete sich ein seltsames Gefühl in ihm aus. Nicht das berauschende Gefühl von Heimat, dass er sonst jedes Mal empfand wenn er hier stand. Nicht das Gefühl dort zu sein, wo niemand ihm etwas tun konnte. Nein, das war weg. Zerbrochen, wie so vieles anderes in seinem Leben.
Er ging die wackligen Treppen hinunter, die ans Flugzeug geschoben worden waren, doch hielt er inne, als er sah, wie die Flugzeugarbeiter den Sarg aus dem Frachtbereich hievten. Obwohl er es nicht für möglich gehalten hatte, fühlte er erneut die Tränen in seinen Augen. Er beobachtete wie der Sarg in eins der beiden Autos gebracht wurde, die auf der Landefläche warteten, bevor er seinen Weg fortführte. Seinen Weg zu dem Auto, das ihn und die Überreste seines Vaters, unter Polizeischutz, nachhause bringen würde.
Das Zuhause, dass jetzt Lionel gehörte. Das Zuhause, dass er jetzt regierte. Als Prinz von Orléans und Fürst von Anjou.


April 1985 - Anjou Aéroport Privé

Der Privatflughafen? Fuhren sie wirklich dahin? Lionel war äußerst, äußerst verwirrt. Aber er sagte nichts. Sein Vater parkte auf dem Parkplatz und das Lächeln auf seinem Gesicht war etwas, dass Lionel äußerst selten so zu Gesicht bekam, vor allem wenn er alleine mit seinem Vater war.
Sie stiegen aus dem Wagen aus und Laurent lief wesentlich langsamer als vorhin; Lionel konnte Problemlos folgen. Die Sterne leuchteten hier wesentlich heller als sie es zuhause taten, zumindest erschien es dem Jungen so. Laurent bemerkte Lionels Blick in den Himmel und schmunzelte.
„Du weißt wo wir sind, oder?“, fragte er und Lionel nickte. „Gut. Als ich so alt war wie du, kam ich hier mit meinem Vater her und ich denke es ist an der Zeit, dass du dein Zuhause mal so siehst, wie der Rest der Welt es aus Satellitenbilder und Fenstern sieht.“, fügte er hinzu und Lionel legte seinen Kopf schief.
„Wie fliegen mit einem Flugzeug?“, fragte er, nachdem sie durch ein Tor gingen, dass auf ein großes Feld mit mehreren Bahnen führte. Mehrere Flugzeuge und Helikopter standen hier und Lionel wäre am liebsten bei jedem einzelnen stehen geblieben um sich ein Bild zu machen, doch sein Vater ging strikt weiter und Lionel machte sich selten irgendwelche Probleme mit dem Mann, also folgte er ebenfalls.
„Nicht ganz, Lionceau.“, sagte der Fürst und deutete mit einer simplen Kopfbewegung auf einen Helikopter, der etwas weiter weg stand und um den zwei Leute herum gingen und ihn scheinbar vorbereiteten.
Lionels blaue Augen weiteten sich und er sah zu seinem Vater und dann zu dem Helikopter. Er war noch nie geflogen. Wenn sie Familie in Spanien oder England besucht hatten waren sie immer mit einem Auto gefahren oder einmal auch mit einem Zug, den sie ganz für sich gehabt hatten. Das war toll gewesen, aber mit einem Helikopter zu fliegen… das war richtig toll.
Als sie bei dem Helikopter angekommen waren bedankte Laurent sich bei den beiden Männern, die jetzt von dem Fluggerät zurückgetreten waren, bevor die beiden Adligen einstiegen. Lionel hatte zuerst gedacht, dass die Männer mit ihnen fliegen würden, aber scheinbar taten sie das nicht.
Laurent setzte sich auf die Seite des Piloten und erklärte Lionel dann die Aufgaben eines Co-Piloten, wie zum Beispiel, dass er die Verantwortung hatte, sollte der Pilot nicht mehr fliegen können oder dergleichen und Lionel hörte gespannt zu, auch wenn er öfters seinen Vater unterbrach um Fragen zu stellen, was Laurent aber nicht zu stören schien, denn er beantwortete jede Frage äußerst geduldig.
Nach etwa einer halben Stunde starteten sie die Rotorenblätter und hoben vom Boden ab. Zuerst war es äußerst seltsam für Lionel, allein das Gefühl nicht mehr auf dem Boden zu sein, geschweige denn die Verantwortung seinem Vater zu assistieren. Doch es funktionierte und sie flogen erst über Anjou, bevor Laurent den Helikopter höher fliegen ließ und Lionel das Gefühl hatte direkt neben den Sternen zu fliegen.
Doch plötzlich verschränkte sein Vater die Arme vor der Brust und Lionel sah geschockt zu dem Mann hinüber, der ihm deutete weiter zu machen. Lionel sah von den Kontrollen zu seinem Vater und wieder zurück. Sie verloren an Höhe und Lionel versuchte sich daran zu erinnern wie man das regulierte, aber sein Puls raste und er hatte keine Ahnung was er hier überhaupt tat.
Laurent legte seine Hand auf Lionels und führte sie zu einem Knopf, den Lionel betätigte und ihre Flugbahn regulierte sich. Lionel erinnerte sich und als Laurent sagte, dass er sie zurück zum Flugplatz navigieren sollte schaffte Lionel es mehr oder weniger die richtige Richtung zu finden.
Die Sonne ging auf, als sie zurück fuhren und im Auto herrschte eine lockere Stimmung. Laurent lachte immer noch über Lionels Gesichtsausdruck, als er den Helikopter alleine hatte fliegen müssen und Lionel lachte einfach mit, weil er sich nicht daran erinnern konnte, jemals alleine Zeit mit seinem Vater verbracht zu haben und ihm es in dem Moment einfach gut ging.
Als sie zurück zuhause waren war es als hätten die beiden es nie verlassen und obwohl bis heute niemand aus seiner Familie etwas weiß, so war es ein Geheimnis zwischen Laurent und Lionel, dass ihre Beziehung vertiefte. Das würde Lionel niemals jemand wegnehmen können.


Dezember 2008 – Schloss Anjou

Lionel musste stark an sich halten um den Wein, den er im Mund hatte nicht vor Lachen wieder auszuprusten. Er hatte fast das Gefühl, dass Fabianna das mit Absicht gemacht hatte. Einen Witz erzählen, grade als Lionel etwas getrunken hatte. Sein Vater lachte lauthals neben ihm und die 13jährige Ophelie, die neben ihm saß stimmte ebenfalls in das Lachen ein.
Weihnachten war schon immer etwas Besonderes gewesen, für die Familie. Nicht nur, weil Sofía weg war, oder weil die Hälfte des Schlosses, die sie sonst nie betreten durften, betretbar war, sondern auch, weil es einfach glücklich war.
Glücklich, locker und einfach nur schön.
Lionel und Laurent hatten ihren Einfluss genutzt um Weihnachten frei zu haben und die Mädchen waren darüber mehr als nur glücklich, denn die letzten paar Jahre war es so gewesen, dass immer nur einer der beiden da war, aber diesmal war es anders.
Diesmal waren sie komplett, denn selbst Sofía würde morgen zurück kommen und sie hätten ihr erstes gemeinsames Weihnachten seit… Ewigkeiten! Lionel wusste nicht einmal ob sie jemals eins gehabt hatten, wo alle da gewesen waren.

Es war ihr erstes und letztes gemeinsames Weihnachten.


Dezember 2009 – Schloss Anjou

Lionel atmete tief durch, bevor er aus dem Wagen ausstieg. Die Flaggen, die sonst den Eingang zu ihrem Zuhause schmückten waren alle auf Halbmast, die zwei ersten waren durch vollkommen schwarze ersetzt worden und der einsetzende Regen machte das Bild nicht weniger deprimierend.
Nachdem er ausgestiegen war und seine Koffer aus dem Wagen genommen worden waren fuhr der Wagen, sowie die Polizeieskorte weiter. Der Körper seines Vaters konnte immer hin nicht hier gelagert werden.
Der Prinz richtete seine Kleidung, bevor er die Treppen hinauf ging, die zu einer Terrasse führten, die anschließend in die Hauptempfangshalle des Schlosses führte. Schwarze Vorhänge trübten die schöne Fassade des Hauses und ein Aushang hing an der Tür, der ankündigte, dass alle Touren durch das Museum ausfallen würden und Geld zurück erstattet werden würde, für bereits bezahlte Touren. Einer der Bediensteten hielt die Tür für Lionel auf und als jener eintrat wünschte er sich, dass er sich noch eine Minute mehr Zeit an der Luft gelassen hätte, denn in dem Moment sah er seine Schwester Fabianna die Treppen hinunter kommen. Sie war vor wenigen Tagen achtzehn geworden und sie trug ihr schwarzes Haar kürzer als sie es das letzte Mal getan hatte, als Lionel sie gesehen hatte. Sie trat schnell auf ihren Bruder zu und schlang ihre Arme um ihn. Er spürte, dass sie schluchzte, während sie sich fest an ihn drückte und zitternd legte er die Arme um seine Schwester.
„Du darfst nie wieder fort gehen, Leo.“, sagte sie leise und Lionel schluckte. Er hatte nicht gekündigt und um ehrlich zu sein… hatte er das auch nicht vor. Aber das müsste er nicht jetzt mit seiner Familie diskutieren.
Der Prinz ließ seine Schwester wieder los und folgte ihr dann zu dem Rest der Familie in den grünen Salon. Er fühlte sich underdressed, aber das hätte er erwarten können.
Seine Mutter, Sofía, trug ihr bestes schwarzes Kleid und saß auf Vaters Sessel, während sie sich mit einem Taschentuch Tränen vom Gesicht wischte. Seine beiden älteren Schwestern, Louise und René, standen neben ihrer Mutter, ebenfalls beide komplett in schwarz, das bis zum Boden reichte. Amandine war die einzigste, die aufsah, als er den Raum betrat und Lionels Herz zog sich zusammen, als er sie ansah. Amandine war zwar 10 Monate jünger als er, aber sie war schon immer wie sein Zwilling gewesen, in jeder Art, die man sich vorstellen konnte. Sie trug eine dunkelblaue Bluse und einen schwarzen Rock, der nicht ganz bodenlang war, aber ihre Knöchel bedeckte. Maelys saß auf dem Sofa, mit Ophelie in ihrem Arm. Es war offensichtlich, das die beiden von Sofía eingekleidet worden waren, denn sie trugen die selben schwarzen Kleider, das bei Ophelie vollkommen zugeknöpft war und bei Maelys zwei offene Knöpfe hatte.
Lionel scherte sich jedoch nicht darum, sondern blickte einfach in Amandines blaue Augen, während sie aufstand und zu ihm lief. „Lionel!“, rief eine seiner Schwestern, aber Lionel erkannte nicht welche, denn er ging auf Amandine zu und zog sie fest in seine Arme, als er nah genug an ihr dran war.
„Er hat gesagt, dass er stolz auf dich ist… er hat…“, sagte er, aber brach ab, als die Tränen seinen Hals zusammen schnürten.


05. November 2009 – Afghanistan

Schießübungen waren immer eine von Lionels Lieblingsübungen gewesen. Zwar fand er es nicht sonderlich fair, dass er zu keiner der fünf anstehenden Missionen in den nächsten drei Jahren eingeplant war, aber die Trainingsabteilung war auch keineswegs zu unterschätzen. Es war ein interessantes Gebiet, nur halt nicht unbedingt Lionels Traum.
Die amerikanischen Truppen, die mit ihnen hier untergebracht waren, waren auch nicht unbedingt seine besten Freunde, aber Lionel kam schon klar. Vor allem, weil sein Vater auch hier untergebracht war. Er würde morgen auf eine Mission gehen und Lionel freute sich für ihn und gleichzeitig war er etwas eifersüchtig, immerhin war Lionel wesentlich jünger, zwar auch weniger erfahren, aber auch verdammt talentiert wenn es ums schießen ging.
Er traf seinen Vater im Flur, in einer hitzigen Diskussion mit einer Amerikanerin, die Lionel zum Schmunzeln brachte, auch wenn er nur jedes zweite Wort verstand. Lionel blieb neben seinem Vater stehen, der der Amerikanerin grade sagte, dass sie wegtreten sollte.
Sie trat weg, wenn auch mit einem sehr giftigen Blick.
„Du machst dir Freunde, hm?“
„Psst.“
Lionel unterdrückte sein Lachen und sein Vater verdrehte seine Augen, schmunzelte jedoch auch.


Dezember 2009 – Schloss Anjou

Lionel war nach der Begrüßung ziemlich am Ende. Vor allem der Anblick seiner Mutter… Er war in sein Zimmer gegangen und hatte sich auf dem Balkon eine Zigarette angezündet. Er setzte sich auf die Bank, die dort stand und zog sein Handy aus der Hosentasche seiner Uniform-Hose.

Un nouveau message!
, kündigte das Display an und Lionel öffnete die neue Nachricht.

Andrew:
„Mein Flugzeug landet in zwei Stunden. Keine Widerrede, ich fahre zu dir.“

Lionel schüttelte seinen Kopf und ein leichtes Lächeln stahl sich auf seine Lippen, das erste seitdem sein Vater…

Lionel:
„Danke.“



06. November 2009 – Afghanistan

Es war drei Uhr morgens, als Lionel aufwachte. Jemand klopfte an seiner Tür und Lionel stand auf und öffnete die Tür, ohne zu fragen wer da war, weil es eigentlich nur eine mögliche Antwort gab.
„Papa.“
„Lionceau, ich wollte mich verabschieden.“
„Papa, das ist eine Auskundschaftsmission. Du musst-“
„Sei leise und lass mich rein.“, unterbrach Laurent und Lionel trat einen Schritt zur Seite.
„Wann fahrt ihr ab?“, fragte Lionel und zog seinem Vater einen der klapprigen Stühle heraus, die an seinem Tisch standen. Laurent setzte sich und Lionel setzte sich ihm gegenüber.
„In zwanzig Minuten ist ein letztes Treffen, wir fahren um vier.“
„Was willst du hören? Sei vorsichtig, mach nichts dummes, lass dich nicht umbring-“
„Lionel.“
„Tut mir leid.“
„Es ist nicht nur Auskundschaftung.“, sagte Laurent nachdem es ein paar Sekunden ruhig gewesen war.
„Was?“
„Wir… haben Informationen bekommen, von Informanten. Wir-“
„Hast du Mama geschrieben?“
„Ich-“
„Hast du?“
Laurent zog einen Brief aus seiner Tasche und gab ihn seinem Sohn.
„Du stellst sicher, dass sie ihn bekommt, sollte…-“
„Selbstverständlich.“
Laurent stand auf und räusperte sich. Lionel stand ebenfalls auf und ließ sich von seinem Vater umarmen, nicht wissend, dass es die letzte sein würde.

Dezember 2009 – Schloss Anjou

Lionel sah ein, dass es an der Zeit war Sofía den Brief zu bringen. Er hatte ihn nicht geöffnet oder dergleichen, dass hätte er sich niemals getraut. Aber er hatte versprochen, dass er ihn ihr bringen würde und das würde er.
Nachdem er aufgeraucht hatte stand er auf und ging duschen. Er war sich nicht sicher, was er anziehen sollte und entschied sich dann für ein einfaches schwarzes Hemd, Hose und Schuhe. Nichts Besonderes, nichts, dass schrie Royalität, sondern einfach nur Trauer.
Lionel ging wieder hinunter in den Salon, doch dort war niemand mehr, bis auf Fabianna und Amandine, die zusammen Schach spielten. Er versprach gleich wieder zu kommen, denn ansonsten hätten die beiden ihn wohl nicht gehen lassen.
Er ging hinauf zu dem Zimmer seiner Mutter und klopfte an der Tür. Sein Klopfen wurde mit einem: „Ja?“ beantwortet und Lionel trat ein.
„Mama, ich-“
„Kann das warten, Lionel?“, fragte sie abweisend, während sie scheinbar ihren Kajalstrich nachzog.
„Ich habe einen Brief von Vater für dich.“, sagte Lionel, trat vor bis zu ihrem Tisch und legte den Brief neben ihr ab. Sofía hatte inne gehalten, nach seinen Worten.
Lionel trat wieder zurück und ging zur Tür.
„Lionel?“
Der blonde hielt inne, seine Hand um den Türknauf geschlossen.
„Ja?“
„Danke.“
„Ich hab das nicht für dich getan.“
„Ich weiß. Danke.“

Anschließend war er zu seinen Schwestern gegangen und hatte sich beim Schach schlagen lassen. Mehrfach, bis nach einigen Spielen ein Bediensteter eintrat und ankündigte, dass Besuch für Lionel da war. Fabianna war entrüstet darüber, wie jemand die Dreiheit hatte die Familie in dieser Zeit zu stören, aber Lionel ließ den Besuch herführen.


06. November 2009 – Afghanistan

Es war Freitag. Freitagabend um genau zu sein. Lionel hatte sich überreden lassen mit ein paar anderen Männern feiern zu gehen. Vielleicht hatte er zugestimmt, weil er sich Sorgen um seinen Vater machte, vielleicht weil er sein Image nicht verlieren wollte, er wusste es selber nicht genau. Was er wusste, war, dass er es nicht bereuen würde.
In der Kneipe war einiges los. Laute Amerikaner, wahrscheinlich noch lautere Franzosen. Es war nicht wirklich die beste Kombination, aber die Regierung mochte es, also… würde Lionel nichts dagegen sagen.
Der Abend schritt voran, einiges an Alkohol floss und als Lionel zum Badezimmer gehen wollte musste er nicht einmal die Tür öffnen um zu verstehen, dass er da besser nicht rein gehen wollte. Das Stöhnen war von draußen schon hörbar. Er musste Schmunzeln und trat wieder von der Tür zurück, wobei er einen anderen Mann bemerkte.
Amerikaner, ein paar Jahre älter als Lionel selber, größer als er, schwarzes Haar…
„Som’eone got luckie, I s’ppose“, versuchte Lionel es auf Englisch, wusste aber, dass sein Akzent und der Alkohol es wahrscheinlich unmöglich machten ihn zu verstehen.
„Das ist offensichtlich, nicht wahr?“, erwiderte der Mann auf fließendem Französisch.
„Sie sprechen Französisch. Soweit ich weiß spricht kaum ein Amerikaner zwei Sprachen.“, merkte Lionel an und der andere lächelte.
„Ich bin nicht wirklich wie die meisten.“
„Nein?“
„Nein. Private First Class Andrew Martin, freut mich.“, sagte er und reichte Lionel seine Hand.
„Commandant Lionel von Orléans.“
„Commandant, hm? Keine eigene Truppe? Bei einem Adelstitel?“
„Ein Name kann einem nicht alles erkaufen.“, sagte Lionel und lehnte sich jetzt neben Andrew an die Wand an.

Dezember 2009 – Schloss Anjou

Andrew betrat den Raum, seine grünen Augen suchten den Kontakt zu Lionels. Der Prinz stand auf, überbrückte die wenigen Meter, die ihn von Andrew trennten und ohne darüber nachzudenken legten sich seine Lippen auf die des Amerikaners.
Es war wohl, weil sein Kuss so unsicher war, oder weil seine Hände zitterten, als Lionel sie an Andrew legte, dass der Ältere Lionel näher an sich zog und ihm mit dem Kuss das Gefühl gab sicher zu sein.
Als sie sich trennten schmiegte Lionel sich an Andrew und während Lionel das erste Mal seit langem das Gefühl hatte festen Boden unter den Füßen zu haben, so sah Andrew den besorgten Blick von Amandine und den verwirrten von Fabianna.
„I’ve got you, Lio… don’t worry about anything, love.“, sagte Andrew leise und nach einigen Minuten in denen sie einfach nur so da standen löste sich Lionel. Seine Hände zitterten immer noch.
„Do you want to ‘ave a seat, Mr…?“, fragte Amandine und trat auf Andrew zu.
„Martin. Andrew Martin und ja, das wäre sehr nett. Vielen Dank.“, antwortete Andrew und folgte Amandine zum Sofa. Lionel folgte erst, nachdem Andrew ihm seine Hand gegeben hatte.
„Fabianna, willst du mir helfen mit René das Abendessen vorzubereiten?“, fragte Amandine ihre jüngere Schwester und Fabianna wollte zu irgendeiner Antwort ansetzten, die jedoch von Amandine unterbrochen worden war: „Großartig, komm mit.“
Die beiden verließen den Raum und ließen Andrew und Lionel alleine zurück.


12. November 2009 – Afghanistan

Lionel hatte nicht gewusst, dass es so viele Fragen aufwerfen würde, wenn er Andrew weiter hin treffen würde. Heute war Donnerstag und Lionel hätte seine Mittagspause eigentlich auch anders verbringen können, aber er hatte sich dazu entschlossen sie in Andrews Zimmer zu verbringen und er empfand das absolut nicht als seltsam.
„Ein Freund von mir hat heute gefragt, ob wir irgendetwas aushecken.“, begann Andrew eine Unterhaltung, nachdem sie ihre Zeit bisher einfach nur damit verbracht hatten aneinander gekuschelt auf dem Bett zu liegen und Salzstangen zu essen.
„Oh ja, wir planen den größten Verrat der Geschichte.“
„Natürlich! Wie könnten wir auch einfach nur Freunde sein?“, fragte Andrew und Lionel lachte leise.
„Keine Ahnung, wo wir doch nichts mehr als Freunde sind.“, sagte Lionel und platzierte einen Kuss auf Andrews Wange.
„Haargenau! Ich meine… ich könnte mich niiiieeeee in dich verlieben, niemals.“
„Du bist in mich verliebt?“, fragte Lionel feixend grinsend und Andrew verdrehte seine Augen.
„In deinen Träumen, vielleicht.“
„Autsch, das tat weh.“, sagte Lionel gespielt beleidigt und zwinkerte dann während er sagte: „In meinen Träumen sind wir verheiratet.“
„Wir kennen uns seit sechs Tagen!“
„Und?“
„Ich liebe dich.“

22. November 2009 – Afghanistan

Das war der dritte Tag, an dem Lionel freiwillig im Wachdienst mitarbeitete. Sein Vater hätte schon längst zurück sein sollen. Ja, er hatte etwas Angst, ziemliche sogar, denn der Kontakt war schon länger abgebrochen.
Ja, er hatte Angst.


25. November 2009 – Afghanistan

Immer noch nichts.


29. November 2009 – Afghanistan

Nichts.


01. Dezember 2009 – Afghanistan

Es war kurz nach Mitternacht. Sie hatten einen Funkspruch reinbekommen. Man hatte die Gruppe um seinen Vater gefunden. Es gab drei Verletzte. Sein Vater war einer davon.
Lionel kam grade im Krankentrakt an, als auch die Verletzen ankamen. Er wusste nicht was genau geschehen war, aber sein Herz raste.
Man ließ ihn nicht zu seinem Vater, mehr weiß Lionel nicht mehr. Rückwirkend weiß er, dass das seine erste Panik-Attacke war.
Als man ihn zu Laurent ließ, stand es schon fest, nur wusste Lionel es noch nicht.
„Papa…“, kam es über seine Lippen. Laurent schloss seine linke Hand um Lionels Handgelenk.
„Lionel… mein Sohn…“, hauchte Laurent.
„Ich bin hier, Papa, a-alles wird gut…“, sagte Lionel, auch wenn er nicht ganz wusste, ob alles gut werden würde. Er wusste ja nicht einmal, was genau geschehen war. Er wusste nur, dass er vor Angst zitterte und dass nicht nur eine Träne aus seinen Augen floss.
„Ich liebe dich. Ich liebe dich! Ich liebe dich-“
„Papa-“
„Sag es auch Amandine, René, Louise, Fabia…-“, begann Laurent und hustete dann. Lionel versuchte zu verdrängen, dass er auch Blut hustete. „…Fabianna, Maelys und Ophelie… Oh Ophelie…“, beendete er und Lionels Sicht verschwamm vor Tränen.
„Papa-“
„Lionel… Lionel, mein Lionceau… mein Junge…“, sprach Laurent weiter und schien gar nicht zu registrieren, dass Lionel etwas sagen wollte. Laurents Augen schlossen sich plötzlich, aber sein Puls war noch vorhanden. Eine Ärztin kam heran und nachdem sie Laurent gescheckt hatte wandte sie sich an Lionel und sagte, dass sie nicht wissen würde ob er noch einmal aufwachen würde.
Lionel blieb an Laurents Seite, wiederholte immer und immer wieder wie sehr er Laurent liebte, aber sein Vater wachte nicht mehr auf.


Dezember 2009 – Schloss Anjou

Die Beerdigung war am Tag danach. Niemand merkte es an, dass Lionel von Andrew begleitet wurde. Niemand merkte es an, dass Lionel während seiner Rede öfters den Faden verlor und insgesamt eine halbe Stunde brauchte, wenn seine Rede eigentlich für zehn Minuten angesetzt worden war.


Weihnachten 2009 – Schloss Anjou

Weihnachten war seltsam. Mama war fort und die ganze Dynamik war anders. Seine Schwestern behandelten ihn anders, fast respektvoller könnte man sagen. Was besser passte… vorsichtiger. Andrew blieb über Neujahr, nachdem Lionel an seinen Freund Général de division Thomas Duval geschrieben hatte.
Auch Neujahr blieb Andrew bei ihm, doch flog er dann wieder zurück, wenn auch zu Lionels größtem Bedauern. Sie verabschiedeten mit den Worten:
„Lass dir genug Zeit.“ Und „Lass dich nicht umbringen.“

Tja.


Februar 2010 – Schloss Anjou

Andrew starb am 14.02.

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Tony Stark
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